Der Terminplan der Berliner Fashionweek wird immer voller, Michael Michalsky blamiert sich bis auf die Knochen und ein paar junge Labels aus Italien werden zum Überraschungsact
Vom 20-24.Januar fand in Berlin wieder die Modewoche statt, die dieses Jahr aufgrund von Zuwachs zum Terminsupergau mutierte. 6 Messen, über 30 Shows, sowie diverse andere Veranstaltungen drängten sich auf wenige Tage und konkurrierten miteinander. Zu Stoßzeiten auftretende Taxiprobleme, sowie zweistellige Minusgrade sorgten dafür, dass viele geplante Termine leider auf der Strecke blieben.
Aber nun gut: Machen wir es nach alter Sitte, erst die schlechten Nachrichten, dann die guten.
Michael Michalskys an hohe Erwartungen geknüpfte Style Nite sollte zum großen Reinfall der Fashionweek werden. Das die große Stärke des Labels Michalsky und gleichzeitig der Person Michael Michalsky die Selbstinszenierung ist, kann man bedenkenlos so stehen lassen. Doch dieses Mal hätte er sich vielleicht ein bißchen weniger um die Inszenierung seiner eigenen Person, als mit seiner Kollektion und deren Präsentation beschäftigen sollen. Die gemeinsame Veranstaltung mit Lala Berlin und Kaviar Gauche geriet zum mehr als abendfüllenden Programm, mit nicht enden wollenden Pausen und einem genervten Publikum. Manch einer wird sich gewünscht haben, dieses Event nicht besucht zu haben und so kam es dann auch, dass zum großen Finale, der Saal sich schon gut geleert hatte. Das er mit so einer Kollektion und Präsentation, wie sie gezeigt wurde, wohl kaum internationale Beachtung finden kann, ist ihm wahrscheinlich selber klar. Aber der selbsternannte Berliner Stardesigner scheint sich eh mehr auf den roten Teppichen wohlzufühlen, um im Abendprogramm der Frauke Ludowig über die deutschen Bildschirme zu flimmern. So kann mans machen, es spricht nichts dagegen.
Auf Frauke Ludowig und Kollegen wurde in diesem Jahr im Allgemeinen wieder viel gesetzt. Die Stars und Sternchen der C- und D-Klasse wurden zu Hauf über die roten Teppiche getrieben und dürfen wieder dazu beigetragen haben, Claudia Mustermann die große weite Welt in Berlin auf dem heimischen Sofa zu präsentieren. Davon ist die Mercedes Benz Fashion Week Berlin noch ein gutes Stück entfernt. International relevante Mode findet hier bisweilen weniger statt. Dagegen steht die Bread and Butter, dass im letzten Jahr noch von vielen Gegnern bekämpfte Event. Es ist eine, wenn nicht die wichtigste internationale Messe in ihrem Segment, besucht von Einkäufern und Journalisten von Los Angeles bis Tokyo. Da kommen alle anderen Veranstaltungen nicht mit. Sie ist das große Zugpferd, das wissen auch alle anderen und darf es sich leisten den Leithammel zu spielen.

Dies haben auch die Veranstalter der JAM eingesehen und ihren Veranstaltungsort, nach München und Köln, in die Hauptstadt verlegt. Die ebenfalls stattfindende Premium war wie immer eine solide Messe, die 5 Elements fand, nach einigem hin und her, dann doch statt. Weiterhin bot Berlin zum zweiten Mal mit The Key, eine Messe auf ökologisch/ethisch einwandfreie Modeanbieter spezialisiert. Das Stattfinden aller Veranstaltungen gleichzeitig an wenigen Tagen, machte jedoch einen ausführlichen Besuch so gut wie unmöglich. Ein teilweise gegebenes Zeitfenster von einer Stunde für einen Messebesuch, ist wohl für jeden als total unerfüllbar einzuschätzen.
Für eine internationale Beachtung der Veranstaltungen jenseits der BBB muss noch ein bisschen in die Hände gespuckt werden. Wo wir wieder bei der seit Jahren laufenden Diskussion angekommen wären, ob aus Berlin nochmal was wird oder nicht. Und da fragt man sich tatsächlich, wie man sich das hier so vorstellt.
Vielleicht ist die Bread and Butter auch deshalb so erfolgreich, weil sie das, wofür Berlin international steht, aufgreift und für sich benutzt und nicht irgendwelche Konzepte aus New York etc. über den Bebelplatz stülpt. Berlin steht nicht für Haute Couture, Eleganz und teure Pelze. Berlin begann, vor einigen Jahren, mit dem Neustart seiner modischen Historie und einer Karriere als großes Experimentierfeld und mit Labels wie CNEEON. So etwas war es auch, womit Berlin in den Zwanzigern anzog, Offenheit und und Experimentierfreude. Das sich sowas in eine hochwertige und hochpreisige Richtung entwickeln kann, da spricht nichts dagegen. Aber mit einem großen Rums zu sagen, jetzt machen wir mal ein bißchen auf große Edelmode in unserem Zelt, kommt bei o.g. genannter Frau auf dem Sofa gut an, die internationalen Fachleute wird’s wohl weniger überzeugen hierhin anzureisen, denn das haben sie in Paris auch und vor allem besser. Dies hat sich in den letzten Jahren klar herauskristalisiert. Für wen das Konzept wahrscheinlich am ehesten aufgeht ist Mercedes Benz und seine PR-Abteilung.
So kam es, dass einige Designer die Offlocation außerhalb des Festzelts suchten, was sich bei einer Stadt mit so vielen tollen Orten auch als wesentlich attraktivere Möglichkeit herausstellen kann. CNEEON gingen ihren ganz eigenen Weg und ließen ihre Show in einem Club stattfinden, die HBC Show mit Designern wie Julia und Ben oder Starstyling auch. DIESEL erlaubte sich die große Show in einer riesigen Fabrikhalle am Spreeufer und schmiss die wohl rauschendste Party der ganzen Woche.
Dagegen gab die HBC Couture Designer Scouts, von uns vorher als eine der Higlights angesehenen Show im HBC Club, ein enttäuschendes Bild ab. Ungeeignete Räumlichkeiten, Überfüllung und Chaos, bzw. langatmige Präsentationen machten den Event zu einer echten Nervenprobe und erinnerten eher an eine Zweitsemesterpräsentation, die man noch aus dem Studium in Erinnerung hat. Das Betrachten der Kollektionen war aus o.g. Gründen auch etwas mühselig. Zu erwähnen wären Julia und Ben, deren Kollektion sich doch vom Rest abhob und Starstyling, die versuchten bemüht schrill zu sein, was aber etwas langweilig daher kam und eigentlich kein großer Kunstgenuss wurde, sondern irgendein banaler Schrott, den man besser zu den Akten legt.
Ganz anders ging es da kurze Zeit später bei Patrick Mohr im Zelt zur Sache. Das war mal ein Happening. Kompromisslos wurde eine Dampfhammerinszenierung gewählt, die den vielen, auf 100% sicher gehenden, die Trendprognosen rauf und runter präsentierenden Labels mal vorführte, wie man es auch anderes machen kann. Dazu muss man in Krisenzeiten schon ein bisschen Mumm in den Knochen haben. Wie man sieht, die Sache ging auf. Über ihn wird gestritten, gesprochen und berichtet. Jenseits der Promiaufmärsche. Hier ging es weniger um die große Schneiderkunst, sondern er war einer der wenigen, der dem Publikum was zu sagen hatte. Patrick Mohr, schafft es kommerzielle Jeans in einen künstlerisch anspruchsvollen Rahmen zu stecken. Den Bogen zu spannen und die Show keine einzige Sekunde langweilig werden zu lassen. Das muss man schon können. Hier verließen die Zuschauer teilweise aus Empörung den Saal und nicht aus Angst gleich einzuschlafen. Den Intellekt und die Fähigkeit Ironie und Witz zu verstehen ist für Patrick Mohrs Shows schon notwendig. So etwas ist unter anderem das, was das eher laue Niveau dieser Fashionweek hob und ihn zu einem der wenigen Designer dieser Veranstaltung machen wird, die das Potential dazu haben, für internationale Beobachter von Belang zu sein. Viele Kollektionen bräuchten in Berlin nicht gezeigt zu werden, da wäre ein Messestand in Düsseldorf die geeignetere Plattform.

Ein weiterer Lichtblick war die neue Kollektion von CNEEON. Clara Leskovar und Doreen Schulz haben es geschafft, einen etwas eingefahrenen Stil wieder neu zu interpretieren. Alles weniger hart graphisch, sondern viel leichter, neu, aber dennoch sehr gut als CNEEON erkennbar. Eine wirkliche Überraschung und eine sehr gute Weiterentwicklung. Eine wunderschöne Kollektion, eingebettet in eine wuderschöne Atmosphäre.
Und das ganz große Lob geht an die vorgestellten Designer der Italien Designers – Next Generation Show. Da waren Talente dabei, von denen sich hier einige etwas abschneiden können. Können, Kreativität, Talent, Professionalität und Liebe und Wetschätzung der eigenen Arbeit wehten in angenehm sanften Brisen über den Laufsteg. Durchgängig symphatisch auftretende Jungdesigner, für die die große Show drumherum nicht notwendig war, denn die Kollektionen waren ihr Kapital. Eine unglaublich angenehme Präsentation, völlig sebstverständlich, entspannt und unverkrampft, aber dennoch höchstprofessionell, nach all den Tagen des Ramba Zambas. Es wirkte als führten die italienischen Designer am Ende der Woche den deutschen mal vor, wie man´s macht. Dabei sollte man manche Labels heraushebend erwähnen: A-LAB, Cristina Miraldi und Mauro Gasperi. Stine Goya tat es ihnen kurze Zeit später gleich.

Wenn man da das Dargebotene einiger Berliner Jungdesigner nimmt und es mit den Italienern vergleicht, da tut sich dann eine große Kluft auf. Kreative, gekonnte, innovative aber auch durchdachte Kollektionen vs einem Eindruck von „Wir hatten in den letzten Monaten keinen Bock“.
Unglaublich sympathische Leute. Die einen wie die anderen. Nur mit den einen geht man Bier trinken, mit anderen begibt man sich auf modische Hohenflüge.
Neben diesen herausstechenden Kollektionen, gab es einige Designer, die sehr positiv mit ihren Kollektionen auffielen.
Stefan Eckert zeigte hohes Können. Seine Schnitte saßen wie angegossen. Man sieht worauf er Wert legt. Im ersten Teil der Show wirkte die Kollektion etwas austauschbar, im zweiten Teil hatte sie eine wirklich eigenständige Aussage. Feminine Ästhetik jenseits von Size 0.
Stine Goya. Sehr schön. War nur ihre Sommerkollektion für 2010. Aber trotzdem gut. Nicht anders zu erwarten.
Lena Hoschek, ein sehr schöner Stil in Verbindung mit einer Hommage an eine andere Zeit macht sie aus. Gerade das andersartige Frauenbild und Feeling welches ihre Outfits rüberbringen, hebt sie von den anderen ab.
Die Nachwuchstalente Michael Sontag, sowie Perret Schaad. Ob Töchter, Sohn oder sontwelche Artverwandte Jil Sanders, Understatement und guter Geschmack wohin das Auge blickt, jeder Stilkolumnist wird seine Freude daran haben. Der Grad zum Konservatismus ist jedoch oft schmal.

Penkov - Die Mixtur maskuliner Militärelemente mit femininer Eleganz der 30er und 40er Jahre, sowie dem folgender Einsatz von entsprechenden Materialmixturen geben den schlichten Entwürfen ihren Reiz.
Marcel Ostertag präsentierte eine Riesenkollektion. Edel, jung, modern, schöne Details, Fülle an Silhouetten, Einsatz, Aufgreifen und Varieren von Elementen, eigensinnig, aber dennoch trendmäßig abgestimmt. Eine Kollektion wie aus dem Lehrbuch. Kann man nichts schlechtes drüber sagen.
Arrondisement AQ1 - Space Odyssey, jedoch nicht in irgendwelche Science Fiction Outfits verfallend, sondern wunderbar modisch eingesetzt und in ganz edler Optik. Besonders die Art des Einsatzes von Glitter Foil Optik gibt den neuen Look und funktioniert überraschend gut in Kombination mit den edlen Materialien.
Und last but not least, für uns unerwartet und überraschend, dass wir das gut finden werden - Susanne Wiebe. Das Thema Achtziger so dermaßen auf die Spitze getrieben, dass ihre Kollektion einen Heidenspaß macht. So rümpfen ein paar Oberstylos jetzt wahrscheinlich, aufgrund eines Images, dass mal etwas abgestaubt werden könnte, die Nase. Hätte Marc Jacobs oder sonst wer drüber gestanden, fänden sie es wahrscheinlich ganz toll. Für uns ist das nicht nötig…